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# Was Wissenschaft kann – und was nicht (2/2)
- URL: https://reasoned-faith.de/was-wissenschaft-kann-und-was-nicht-2-2/
- Published: 2026-09-19T16:00:28.000Z
- Updated: 2026-09-19T16:00:27.000Z
- Author: Tobias Anselm
- Tags: Wissenschaft & Schöpfung

Letztes Mal haben wir uns mit der Frage beschäftigt, was Wissenschaft ist, ihre Arbeitsweise betrachtet und anhand eines fiktiven Beispiels erläutert. Bevor wir die Titelfrage abschließend beantworten, wollen wir uns wie angekündigt ein historisch reales Beispiel betrachten: die Geschichte der Schwerkrafttheorie, die gar nicht so trocken ist, wie sie klingt. 

Im Bereich der Schwerkrafttheorie, die ein Teil der Physik ist, wurde wie in der Antike üblich zuerst viel beobachtet und spekuliert, Thesen aufgestellt und widerlegt. Der erste große Durchbruch war Newton: er nahm die damals steile These von Kopernikus auf, die 1543 besagte, dass alle Himmelskörper Schwerkraft ausüben würden, und fasste sie als erster 1687 in einer Formel zusammen: jede Masse übt auf jede andere Masse eine Anziehungskraft aus. Diese Kraft ist nur abhängig von den beiden Massen und ihrem Abstand zueinander. Diese Formel ist erstmal nur eine Theorie. Jedoch konnte man nun erstmals die Bewegung der Himmelskörper mathematisch beschreiben, berechnen und vorhersagen. Es konnte nachgewiesen werden, dass sie das Gesetz der Energie- und Impulserhaltung erfüllt und diese Formel konnte erstmals alle Bahnen der Himmelskörper exakt vorhersagen … bis auf die Umlaufbahn des Planeten Neptun. Diese verlief nicht ganz so wie mittels Newton vorausberechnet, selbst unter Einbeziehung der Schwerkräfte aller Planeten blieb eine unerklärliche Differenz übrig. Jedoch fand man bald heraus, dass man mit Newtons Schwerkraftformel berechnen konnte, wo und wie schwer ein anderer Himmelskörper sein müsste, um genau diese Abweichung zu erzeugen. Man richtete die Teleskope auf diesen Punkt … und entdeckte Uranus genau dort! Bis heute ist Newtons Schwerkraftformel in der Wissenschaft das am weitesten verbreitete Modell der Schwerkraft. Super, die objektive Wahrheit der Schwerkraft ist nun vollständig erfasst … oder auch nicht. Es zeigte sich im 19\. Jahrhundert, dass Newton die sogenannte Periheldrehung des Planeten Merkur nicht exakt voraussagte. Die Periheldrehung ist das „Wandern“ des sonnennächsten Punkts seiner Umlaufbahn um die Sonne (siehe Titelbild). Die Abweichung zwischen Newton und Wahrheit ist gerade mal 0,12 Grad pro Jahrtausend, aber schon mit der Messtechnik des 19\. Jahrhunderts eindeutig messbar. Also versuchte man das gleiche wie bei Neptun: man berechnete, wo und wie schwer ein anderer Himmelskörper sein müsste, um diese Differenz zu erzeugen und gab diesem unbekannten Planeten vorsorglich den Namen Vulkan. Man richtete die Teleskope auf die errechnete Position … und fand nichts! Egal wie oft man es versuchte, ob man einen Planeten oder einen Asteroidengürtel in die Formel einsetzte, niemand konnte den mysteriösen Himmelskörper finden und die Bahnstörung bliebt unerklärbar.

Einstein tritt auf den Plan und stellt 1915 eine völlig neue Schwerkrafttheorie auf: zuerst die spezielle Relativitätstheorie, dann die allgemeine Relativitätstheorie. Keine Sorge, wir bleiben hier an der Oberfläche. Die allgemeine Relativitätstheorie ist nicht auf Grundlage von Beobachtungen entstanden, sondern aus exakt zwei Grundannahmen, die dann mathematisch ausformuliert wurden:

1. Das starke Äquivalenzprinzip: Schwerkraft und Beschleunigung sind physikalisch absolut ununterscheidbar. Kein Experiment kann ohne Kontakt nach außen (z.B. durch Fenster) bestimmen, ob es auf der Erde steht oder in einer Rakete sitzt, die genauso stark wie die Erdanziehung beschleunigt.
2. Das verallgemeinerte Relativitätsprinzip: Die grundlegenden Gesetze der Natur müssen für alle im Universum gleich sein. Es ist völlig egal, ob ein Beobachter stillsteht, sich gleichmäßig bewegt, sich im Kreis dreht oder quer durch das Universum beschleunigt, die grundlegenden Naturgesetze sind für alle gleich.

Mehr Annahmen braucht Einstein nicht. Daraus entsteht dann ein vierdimensionaler Raum (die drei Raumdimensionen plus die Zeit als weitere Dimension), der von jeder Masse gekrümmt wird wie ein Trampolin, auf dem jemand steht und dadurch im dreidimensionalen Raum die Bahn aller anderen Massen krümmt.

Nur wie weist man dieses theoretische Konstrukt namens „allgemeine Relativitätstheorie“ denn nach? Man fand heraus, dass Einstein ca. die doppelte Ablenkung von Licht, das an der Sonne durch deren Schwerkraft vorbeifliegt, im Vergleich zu Newton vorhersagt. Also nutzte man 1919 die Gelegenheit einer totalen Sonnenfinsternis und maß die Position der bekannten und vermessenen Sterne, die zu diesem Zeitpunkt am Rand der Sonne sichtbar waren. Ohne Sonnenfinsternis ist es unmöglich, diese aufgrund der Helligkeit der Sonne zu sehen, weshalb man tagsüber auch keine Sterne am Himmel sieht: die Sonne überstrahlt alles. Und siehe da, Einsteins Formel lagen perfekt!

Warum funktioniert Newton dennoch in allen anderen Fällen so gut? Die Antwort ist einfach: bei niedriger Geschwindigkeit und Schwerkraft entsteht die Schwerkraftsformel von Newton als ein vereinfachter Fall der Formel von Einstein. Und so ergeben sich auch genau die fehlenden 0,12° pro Jahrtausend des Merkur: dieser ist so nahe an der Sonne, dass er sowohl sehr schnell ist als auch eine sehr große Schwerkraft abbekommt, wodurch es zu dieser Abweichung zu Newtons Formel kommt. Übrigens: eine Geschwindigkeit von weniger als 10 Millionen km/h (in 13 Sekunden um die Erde) und eine Schwerkraft von weniger als dem 400 000 – fachen der Erdschwerkraft gilt bei Einstein als klein genug, um im Regelfall Newtons deutlich einfachere Formel nutzen zu können. Ein klassischer Fall von wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn: Die neue Theorie ersetzt nicht die alte, sondern erweitert diese. Die Geschichte der Schwerkraft geht übrigens bis heute weiter, denn Einstein funktioniert nur bis zur Grenze eines schwarzen Lochs, wir hören hier an dieser Stelle aber auf.

Aus diesen Beispielen können wir feststellen, dass die Wissenschaft aufgrund ihrer Werkzeuge auf das Beobachtbare und Prüfbare beschränkt ist. Einen Gott, der Teil dieses Universums und an dessen Gesetze (also dessen Wahrheit) gebunden wäre, wäre somit mit den Mitteln der Wissenschaft theoretisch erfassbar. Die antiken Griechen glaubten an Götter, die auf dem Berg Olymp wohnen würden und damit Teil des Universums sind. Solche Götter hätte die Wissenschaft beweisen können, denn ihre physische Präsenz ist mit den richtigen Messinstrumenten eindeutig nachweisbar. Stattdessen fand man, dass der Olymp ein unbewohnter Berg von vielen ist. Die Bibel lehrt aber einen allmächtigen und allwissenden Gott, der dieses Universum geschaffen hat, nicht an dieses gebunden ist und auch nicht seinen Gesetzen unterworfen ist, ja vielmehr das alles festlegt und jederzeit ändern kann. So ein Gott ist mit wissenschaftlichen Mitteln grundsätzlich nicht erfassbar. Jedoch sehen wir gläubige Wissenschaftsinteressierte in diesem Gott einen Gott, der einen Teil seiner Mächtigkeit und seines Wesens in diesem Universum offenbart und dieses zur wissenschaftlichen Erkundung freigegeben hat. Er hat eine objektive konsistente Wahrheit geschaffen (was die Grundlage für jede Wissenschaft ist), die mit wissenschaftlichen Mitteln entdeckt werden kann, darf und soll. Dieser Gott ist zwar fähig, seine Naturgesetze jederzeit zu ändern oder außer Kraft zu setzen und tut es manchmal auch, hat aber im Allgemeinen einen Sinn für Ordnung, die sich im Universum widerspiegelt. Nur diesen Gott zu finden, beschreiben und erklären kann die Wissenschaft nicht.